3/24/2018

Vater erzählt vom Verstummen


Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die sieben Mal abgetrieben hatte. Er erzählte von einem heißen Tag in Heidelberg, von den Fahrten im Schulbus, bei denen er kein Mädchen ansprechen durfte, weil sonst seine Mutter ihm eine Backpfeife verpasst hätte oder Schlimmeres oder ihn im Hof hätte knien lassen auf einem Brett, er sprach vom berühmtem Philosophen und seiner Art, durchs Zimmer zu laufen, und ich schwöre, sage ich zu Elsa, der Mann war da, lief vor mir durchs Zimmer, ich sage: der blaue Nachmittag war da, ich konnte ihn um mich spüren, und das, sage ich, war, warum immer Menschen um Vater waren, sie zerrten an ihm, wollten etwas von ihm, sahen ihn als stark, und nur wir wussten, dass er hinterher, wenn alle weg waren, wenn er zu Ende erzählt hatte für den Tag, in ein tiefes Starren verfiel, als sei jemand ganz leergeräumt worden, ausgenommen worden, als seien jemandem die Eingeweide abhanden gekommen bei lebendigem Leib.

Raum


Wenn du gehst, suchst
du den Raum. Niemand
zeigt dir den Weg

Am Horizont ist er sichtbar
Als Punkt, alle Linien
Laufen auf ihn zu

Es gibt ihn, und läge
Er hinter Tapeten
Verschwändest du
Dorthin 

12/03/2017

Schwimmen in Prag



In der Straßenbahn in Prag, die an der Moldau entlangfuhr, öffnete sich der Blick und verhieß Weite, Helligkeit, ich war auf dem Weg zum Schwimmbad, jeden zweiten Tag. Sah mich nach dem Schwimmen selbst im Spiegel, unter einem altmodischen Föhn, mein Gesicht. Nie habe ich gelernt, das Ticket am Eingang korrekt zu bestellen. Immer fühlte ich mich schon in der Tram einsam, versuchte ein Lächeln, war mir nicht sicher, was ich hier tat , auch wenn ich gern ins Wasser tauchte, ins Becken, das so lang war, dass man nie am andern Ende ankam, so schien es, das voller Chlor war.


Einmal war ich mit meiner Freundin dort, sie lachte immer, es war Sommer, wir waren im Außenbecken, oben auf den Hügeln mit Gras saßen die Voyeure, auf die sie mich aufmerksam machten. Sie gingen einsam ihrem selbstauferlegten Geschäft nach, das uns abstieß, während Frauen und Mädchen in Badeanzügen voller Freude ins Wasser sprangen, kraftvoll und unausweichlich.


Die Duschen waren grün gekachelt, glaube ich. Man passierte ein Becken, das einen immun machen sollte gegen Keime, immer war es furchtbar kalt. Ich war noch jung. An die anderen Menschen erinnere ich mich nicht, keine einzige Begegnung, kein Gesicht. Das Wasser war schimmernd, in dem großen, hohen Raum, es war magisch, immer schwamm ich im gleichen Tempo.

Gegenüber, an der Moldau, soll ein Strandband gewesen sein, in dem Franz Kafka gerne schwamm. Es wurde die ganzen Monate, in denen ich in Prag wohnte, renoviert, so dass ich niemals das alte Strandbad nutzen konnte, um zu schwimmen, sondern immer nur das Schwimmbad.#

Einundhalb, sagte ich immer am Tresen, und sie verstanden vielleicht sofort, dass ich 1 ½ Stunden schwimmen buchen wollte, fragten aber ein oder zwei Mal nach.  
Einundhalb, sagte ich, wiederholte ich, alles andere war zu kompliziert, und keiner verstand englisch.

Als ich ging, wurde das Strandbad wieder eröffnet, und manchmal stelle ich mir vor, ich hätte einmal dort schwimmen können: Ich erinnere mich an das Gefühl, durch Gras zu laufen als wären es Algen, ich sehe Kafka in einem schwarzen Badeanzug ins Wasser steigen, aber in einem Fluss habe ich nie gebadet. 
Die Fahrten in der Trambahn verschwimmen zu einer einzigen Fahrt, die letzten Stationen an der Moldau entlang waren endlos, und wenn ich die Augen schließe, fahre ich noch immer zu diesem Schwimmbad, und es kommt mir ganz unwahrscheinlich vor, dass ich dort irgendwann ankam und tatsächlich meine Bahnen schwamm, mich dazu zwang, bei innerer Aufregung langsam und bedacht zu schwimmen, einzutauchen, zwanzig oder dreißig Bahnen lang, mich abzustoßen am Beckenrand mit Kraft und auf meinen Atem zu hören, oder war er gar nicht hörbar?

7/28/2017

Wie ich mir die Bachmann in Rom vorstelle



Wenn es das Scheppern war, oder das Klappern, Umhergehen mit Schuhen, die nicht ganz dem Boden verhaftet sind, oder war es das Verschütten kleinerer Mengen Rotweins auf dem Parkett, das doch eigentlich geräuschlos vor sich geht, oder das Tippen, auch dies in Lautlosigkeit, ein kaum merklicher Druck genügt, dass die Sätze entstehen, Wörter sich manifestieren, oder ist es die Art, wie sie morgens aussieht, zerzaust, wie sie nickt oder lächelt oder geht, wie sie auf dem Balkon liegt in der Sonne, eine der seltenen Ruhepausen, auf dem Schoß die Corriere de la Serra, die sie nur zur Hälfte versteht, oder ist es, dass sie augenblicklich fremd wirkt in dieser Stadt, über der schon der Morgenglanz liegt, ein Schimmern, eine Helligkeit, durch die hindurch etwas sichtbar wird, wie sonst nur Worte es können, ein Riss sich auftut zwischen Welt und Welt.

Schatzkarten (aus: Dinge als Kind)



Wichtig waren die angekohlten Ecken. Man erzeugte sie, indem man ein Feuerzeug vorsichtig ans Papier hielt, bis es schwarz wurde und knisternd abfiel. Als Kind mit einem Feuerzug umzugehen, ist schwierig, verboten, aufregend. Dass die Ecken angekohlt waren oder ganz abgefackelt, das war unabdingbar. Sie waren der Ausweis der Authentizität, die Beglaubigung, dass es sich um eine echte Schatzkarte handelte, auf sie wurde fast mehr Liebe verwendet als auf die Zeichnung, die den Inhalt der Karte ausmachte: Hügel, Wellen, ein Kreuz. Dort war der Schatz. Auf die Suche geschickt wurden die kleineren Kinder, die hilflosen, lieben, die uns alles glaubten, für die wir Götter waren oder Piraten. Kleine Geschwister, Nachbarskinder, jüngere Freunde. Manchmal gab es davon zu wenig, denn ich hatte viel mehr ältere Freundinnen. Solche, die mich im Griff hatten, mir Dinge befahlen, von denen ich fasziniert war. Die Jüngeren gruben die Schatzkarten aus. Sie holten sie vom Baum – „schau mal, was ist das?“ Glaubten sie den Zauber? War er für sie echt? Hielten sie die tatsächliche, jahrhundertealte Schatzkarte eines längst verstorbenen Piratenkapitäns in Händen? Oder waren sie es, die uns eine Freude bereiteten, indem ihre Stimme hoch wurde oder ausblieb, die schwitzig waren vor Aufregung, die sofort losrannten: dort, das muss das Kreuz sein, dort ist ja der Hügel, das ist ja nur der Garagenhügel der Nachbarn! 

Die Kreuze waren aus Holz gebastelt, zusammengebunden, wie oft war der unsichtbare Faden aus den Fingern geglitten, weggerutscht, wir hatten geflucht wie alte Piraten tatsächlich fluchen und drei Mal auf den Boden gespuckt. Die Kleinen rissen das Kreuz weg, sie rannten weiter, den Hügel hinauf, wie sie immer rannten und immer die Hügel hinauf, und dann hinunter, wie sie die Landschaft durcheilten wie kleine Figuren, sie waren jetzt schon, während sie rannten Punkte, winzig, auf einem Bild aus geronnener Zeit, und hinter ihnen andere, neue Kinder. Atemlos blieben sie vor dem Zaun stehen, wie rostig der war. Im Sommer dran festgehalten, um Rollschuhfahren zu lernen, die Hände voller Rost. Gegenüber wohnt die alte Frau mit den Hühnern, die laut gackern und irgendwann plötzlich verschwunden waren, jedes Mal aufs Neue, einfach weg, eine Leerstelle im Garten. Da müssen wir vorbei, und am Zaun entlang, und dann hinten ins Feld hinein, das sieht man ganz deutlich. Wie wellig die Schatzkarte ist, als sei sie ins Wasser gefallen. Wir schließen die Augen. Noch nie war einer von uns am Meer, es ist weit weg, aber wir können das Salz auf der Zunge schon merken, wenn wir uns anstrengen, wir hören die Wellen rauschen. Jetzt ist der Junge der erste, wir haben eine Schaufel vorbereitet, alt, aus Plastik, aus der Zeit, als unsere Mütter mit uns auf Spielplätzen waren, wo die andern Mütter saßen im Vorort, umgeben von Garagendächern, glasig, mit Broten, mit Geduld, nie kamen sie dazu, die Bücher, die sie in den Fransentaschen mitgebracht hatten, tatsächlich zu lesen. Für sie waren wir der Schatz, das sagten sie, und wir glaubten es, spielten Murmeln, glaubten es, auch wenn sie seufzten, die Mütter, alle mit langen Haaren, durch die man streichen konnte beim Einschlafen, und mit Pony, der ihnen immer zu tief ins Gesicht hing.
So wir uns Kindern. Immer ist das Haar etwas zu lang, es fliegt um die Köpfe, wenn wir rennen, es verstellt uns die Sicht. Deswegen muss immer was verborgen bleiben vor unserem Auge, es gibt immer ein Geheimnis: wenn die Eltern flüstern oder englisch reden. Im Gurgeln des Brackwassers, das im Kübel sich sammelt, der Hexenbrunnen. In den Vereinigungen der Kinder auf dem Schulhof, die sich zusammenfinden, auseinandergehen wie von einem unsichtbaren Wind zusammengefegt, und einer bleibt allein stehen. Wie die Schatzkiste, in der etwas drin ist, das wir selbst hineintaten, und etwas bleibt leer. Die Kinder essen die Schokolade, letzte Reste von Ostern, von Weihnachten, aufgehoben, einpackt in Staniolpapier, das so glänzt wie Gold, halb ausgewickelt, jetzt geopfert für den Schatz, auf den die Karte verwies, die jetzt im Gras liegt, dorthin fliegt, leicht ist, nicht mehr vollgeladen mit einem Geheimnis, einer wichtigen Information, in ein oder zwei Tagen werden wir eine neue machen, noch kunstvoller, und noch tiefer wird sich das Schwarz in das weiße Papier eingraben, dann.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...