8/25/2008

Insomnien per Internet kurieren

Für das Lied "Insomnia" von Faithless hatte ich schon immer eine Schwäche. Dabei wusste ich damals noch gar nicht, was eine Schlafstörung ist. Die begann bezeichnenderweise mit dem Ende meines Studiums. Ist also auch schon eine Weile her. Und sie wird immer schlimmer. Gestern konnte ich gar nicht einschlafen. Um Abhilfe zu schaffen, konsultierte ich das Internet. Wikipedia klärt mich darüber auf, dass es ganz verschiedene Typen von Schlafstörungen gibt. Beruhigenderweise leide ich unter folgenden sogenannten "Insomnien" schonmal nicht: Schlafapnoe (vorübergehened Atemstillstände im Schlaf, meist mit Schnarchen verbunden); ebenfalls nicht belasten mich die zirkadianen Schlafstörungen, die wohl mit Schichtarbeit oder Jet Lag zu tun haben. Parasomnien kommen der Sache schon näher. Zwar plagen mich keine Arousalstörungen wie Schlafwandeln (Somnambulismus), allerdings kenne ich durchaus Alpträume, nächtliches Aufschrecken (Pavor nocturnus) sowie nächtliches Zähneknirschen(Bruxismus). Das sympathische Syndrom der unruhigen Beine (Restless-Legs-Syndrom)ist mir, wie vielen Menschen, nicht ganz unbekannt. Die Schlafprobleme sind nach Alter aufgeteilt. Da ich mich weder zu den Kindern, leider aber auch nicht mehr zu den "Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen" zähle, schaue ich gleich weiter unten, in der Kategorie "Schlafstörungen bei älteren Menschen". Hier heißt es jedoch: "Bei älteren Menschen sind die häufigsten Ursachen für Schlafstörung zu viel Schlafenszeit und zu wenig Betätigung tagsüber. Einerseits ist für alte Menschen der Tag oft langweilig oder eine Last, weshalb sie möglichst früh ins Bett und möglichst spät aufstehen möchten". Auch keine schöne Beschreibung des Lebens im Alter. Allerdings meinen sie mich mit "älter" dann ja wohl doch nicht. Dann ordne ich mich eben doch den "jüngeren Erwachsenen" zu. Denen wird als Maßnahmen empfohlen: "Oft helfen schlafhygienische Maßnahmen und korrigierter Lebensstil (regelmäßige Schlafenszeiten, weniger belastende Arbeit oder Privatleben, am besten kein Alkohol, Nikotin, Amphetamine, Koffein etc.)". Das mit den Amphetaminen wäre für mich kein Problem. Weniger Privatleben, wie mir hier empfohlen wird, klingt aber nicht so gut. Während ich das schreibe, ist es auch ganz schön spät geworden. So unglaublich spät ja noch nicht. Aber auch nicht ganz früh. Eigentlich müsste ich schrecklich müde sein, wegen gestern. Habe mich probehalber um 23:30 Uhr ins Bett gelegt. Konnte aber nicht einschlafen. Ich sehe das Schwarz, in das man ja irgendwie abgleiten soll, schon vor mir, ich zwinge mich dann, nichts zu denken, weswegen man, wäre mein Unterbewusstsein ein Film, folgendes sieht: Ein schwarzes Nichts, das aussieht wie ein Weltall, und dazu kommt eine Stimme aus dem Off: "Denke nichts. Los. Hör auf. Witzig, das hier sieht aus wie ein Weltall, ist das normal? Gibt es hier Sterne? Oh Gott, das war ein Gedanke! Sofort aufhören! Aber es muss doch erlaubt sein, kurz mal zu fragen, ob so ein Weltall-Bild auch anderen Leuten vor dem Einschlafen ..." Usw. Wikipedia beschreibt mein Grundproblem der Insomnia feinfühlig folgendermaßen: "Betroffene liegen quälend lange wach, in Extremfällen sogar stundenlang, bis sie einschlafen, oft nach ungewohnter körperlicher oder geistiger Anstrengung. Teilweise fühlen sie sich unruhig und machen sich in dieser Wachphase viele Gedanken. Sie können nicht abschalten und sagen sich, dass es vernünftiger ist, einzuschlafen. In Extremfällen kommt es zu einer Art Schlaflosigkeit. Die eine Seite versucht einzuschlafen, die andere hält sie davon ab." Alles nicht falsch. Faithless haben das aber doch irgendwie besser auf den Punkt gebracht: "I can`t get no sleep".

8/23/2008

Hillary, Barack und das Erstaunen über die Macht

Ich gebe es zu: Ich war für Hillary Clinton. Natürlich nur unter dem Vorbehalt, sich überhaupt für einen Kandidaten der Demokraten entscheiden zu müssen. Würde diese Entscheidung von mir beispielsweise unter Todesdrohung verlangt werden - ich hänge am Arm eines Gangsters über einem klaffenden Abgrund in den Bergen, und er fragte mich: entscheide dich jetzt, oder ich lasse dich fallen, Clinton oder Obama? - dann, nur dann natürlich, wäre ich eventuell bereit gewesen, mich für Hillary Clinton auszusprechen. Das alles ist aber Schnee von gestern. Hillary ist out, und Obama ist in. In jedem Wortsinn ist er das. Siehe die jubelden Leute in Berlin. Mit Obama als Kandidaten bin ich soweit durchaus zufrieden, sofern ich mich für die Optionen "zufrieden" oder "unzufrieden" überhaut enscheiden müsste. Jubeln gehen würde ich allerdings nicht. Anstrengend finde ich aber die mediale Inszenierung Obamas als eine Art Heiliger, dem es keineswegs um so profane Dinge wie Macht und Einfluss geht. So liest man heute auf SPIEGEL online, anlässlich Obamas Vize-Kandidaten-Kür, seine Wahl Joe Bidens zeige, "dass es auch Obama vor allem um Macht geht". Mal ehrlich, ist das so erstaunlich, dass ein Bewerber für das amerikanische Präsidentenamt an Macht, naja, sagen wir mal, nicht ganz uninteressiert ist? Wenn man jedenfalls auf Macht gar keine Lust hat, bewegt man sich dann ja wohl doch im falschen Berufsfeld. Ich zum Beispiel würde das nicht machen wollen, Präsident sein. Wenn mich jemand allerdings über einem klaffenden Abgrund danach fragen würde, könnte ich auch wieder für nichts garantieren.

Bärte und Diktatoren: neue Runde

Das mit den Bärten und den Diktatoren scheint nicht nur mich zu faszinieren. Eine modische Fotostrecke zum Thema findet man unter:

http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-34478.html









8/21/2008

Der Prager Frühling wird älter - und ich auch

Ich habe heute für 35 Euro Zeitungen gekauft. Daran ist der Prager Frühling Schuld, der vor 40 Jahren, am 21. August 1968, niedergeschlagen wurde. In der Nacht damals hatte dpa gemeldet: “den redaktionen von prager zeitungen wurde [...] von tschechoslowakischen buergern mitgeteilt, dass sowjetische panzer die grenze der cssr überschritten haetten. [...]”. Überall auf der Welt kam es im Anschluss zu Protesten. Die westlichen Regierungen erklärten, die Invasion sei völkerrechtswidrig. Dennoch geschah nicht viel. Bald schon setzten sich die Regierenden wieder mit den Kreml-Leuten zusammen. Horkheimer schrieb, der Westen habe die Freiheit verraten. Man muss ja nicht so weit gehen, aber ganz schön mau hat sich der Westen da schon verhalten. Das macht er öfters. Ich finde das alles höchst bewegend. Und ich schreibe meine Dissertation darüber. Und heute war der 40. Jahrestag des Prager Frühlings! Ganz aufgeregt bin ich aufgewacht. Sofort habe ich den Deutschlandfunk eingeschaltet. Aber sie brachten nur eine Sendung über gefährdete Heilpflanzen. Also fuhr ich zum Bahnhof. Ich packte alle deutschen, tschechischen und französischen Tageszeitungen, derer ich habhaft werden konnte, auf einen riesigen Stapel. Die Frau hinter der Theke sagte: "Na, da haben Sie aber viel zu lesen!". Sie dachte vielleicht, ich verreise mit all dem Kram. Dann setzte ich mich in ein Cafe und blätterte. Manche Zeitungen hatten die Panzer in Prag auf dem Titel. Hier und da ein Vergleich mit Ossetien. Le Monde brachte gar nichts. Liberation auch nicht. Was soll das nun wieder heißen? Darüber denke ich zur gegenwärtigen Stunde noch nach. Fest steht nur: Der Prager Frühling wird älter, und ich auch.

8/19/2008

Geistesgegenwärtige Unfreundlichkeit

Vorhin klingelte es. Ein kleiner, älterer Herr stand vor der Tür. Er kam von den Zeugen Jehovas. Ich bin Atheistin. Grund genug, um das Gespräch kurz zu machen. Also führte ich tapfer aus, was gegen Gott spricht. Kriege, Leid, die Geschichte. Hatte er natürlich alles schon gehört. Ich versuchte es charmant: Mich zu bekehren habe keinen Sinn, ich würde Gott für eine Projektion halten. Auch dagegen konnte er zahlreiche kluge Bibelsprüche ins Feld führen. Während ich lächelte, dachte ich über den Mann nach. Er sah irgendwie nett aus. Der Arme, dachte ich, erst in einer blöden Sekte sein, und dann musst du auch noch überall klingeln. An zugigen Bahnhöfen stehen und den "Wachturm" verteilen. Dazu sind die noch im Dritten Reich verfolgt worden, die Zeugen Jehovas. Am Ende bekam ich eine Broschüre ausgehändigt: "Gibt es einen Schöpfer, der an uns interessiert ist?". Da hatten wir uns bestimmt schon eine halbe Stunde unterhalten. Er versprach, bald wiederzukommen, was ich mit einem verzweifelten Nicken quittierte. Immerhin habe ich erkannt: Was mir fehlt, ist nicht Gott, sondern eine große Portion geistesgegenwärtige Unfreundlichkeit.

8/17/2008

Schamhaftes Vorbeigehen

Von Punks vor dem Supermarkt und ihrer verblühenden Jugend war ja schon die Rede. Wenn Leute mich anschnorren, dann kann ich nie umhin, ihnen etwas Geld zu geben. Leider bin ich nicht reich. Da ich aber auch nicht in Berlin lebe, hält sich die Frequenz des Angeschnorrtwerdens in überschaubaren Grenzen. Dennoch, das gebe ich nicht gerne zu, ignoriere ich hin und wieder aus reiner Eile, Eigensucht oder Gereiztheit entsprechende Anfragen. Dabei mache ich zwischen alternden Punks und traurigen Alkoholikern keinen Unterschied. Um aber gar nicht erst in Verlegenheit zu geraten, eine Bitte abweisen zu müssen, tat ich neulich, als wieder mal Punks vor dem Supermarkt saßen so, als sei es praktischer, das Rad auf der anderen Seite abzustellen, um sich dann zwischen Paletten mit Lebensmitteln vor dem Eingang durchzuquetschen. Alles, um nicht an den Punks vorbeizugehen. Sogar vor mir selbst tat ich so, als sei das unendlich praktischer: "Schau mal", sagte ich zu mir selbst, "was für ein geschickter Abstellplatz für dein Rad da drüben". Der Abstellplatz war so geschickt, dass mein Rad halb auf der Straße stand. Alles, um nicht schamhaft vorbeigehen zu müssen.

8/15/2008

Wohin man lieber nicht in Urlaub fährt, heute: Die Perle der Uckermark

Alle reden vom Olympiaboykott. Ich denke ja eher über einen Urlaubsorteboykott nach. Ein Kandidat: Templin, Perle der Uckermark, Herkunfstädtchen der Bundeskanzlerin. Beschaulich und perlengleich, verzeichnet es einen regen Tourismus. Gerade wurde dort einem Jungen von Neonazis das Gebiss zertreten. Einfach so. Dabei hatten ihresgleichen schon im Juli einen Mann gekillt. Die Liste ähnlicher rechter Delikte ist lang. Die verantwortlichen Ortsregierenden fanden das bisher wenig bemerkenswert. Da fahre ich dann lieber nicht hin. Wenn man das allerdings konsequent durchzieht mit dem Boykott und auch ein paar Jahre zurückliegende Events noch mitzählt, wird es für Inlandsurlaub ganz schön eng. Vermutlich kann man dann nur noch auf dem Balkon sitzen, Bier trinken und den eigenen moralischen Sieg auskosten. Ich muss aber zugeben, ich habe schon einen Urlaub an der Ostsee gebucht.

Fremdbloggen

Fremdbloggen heißt woanders Spaß haben. In fremden Blogs. Die nicht dieser Blog hier sind. Das ist eigentlich nicht nett, liebe Leser. ABER: Bei folgenden Blogs ist das gebongt und zu empfehlen:

http://www.pbaur.wordpress.com
Philosopische Betrachtungen zur Zeit und zur Unzeit, Schäferhundheimbilder und Meta-Blogging

sowie, schon länger empfohlen, aber gerne immer wieder:

http://nervenkitzler.twoday.net/
Originell und witzig, spritzig wie neuer Wein und alter, gut gereifter Käse

8/13/2008

Falsch Lesen: Kindheitsparkplatz

Kennt ihr das auch, liebe Leser? Dass man beim Herumschlendern Wörter auf Werbetafeln, in Schaufenstern oder auf Verkehrschildern falsch liest? Heute sah ich im Vorbeigehen ein Verkehrsschild, auf dem stand: "Kindheitsparkplatz". Da der Kindheitsparkplatz direkt neben einem Kindergarten lag, schien das Ganze zunächst Sinn zu machen. Allerdings fragte ich mich schon, was auf dem Kindheitsparkplatz so geparkt wird. Für den Bruchteil einer Sekunde malte ich mir aus: Wow, man stellt seine anstrengende, bedrückende oder sontwie missglückte Kindheit einfach mal auf dem Parkplatz ab und isst in der Eisdiele um die Ecke in Ruhe ein Eis. Nichts plagt einen, man ist richtig gut drauf. Bei näherem Hinsehen musste ich enttäuscht feststellen, dass es sich bei dem schönen Kindheitsparkplatz in Wirklichkeit um den langweiligsten Ort unter der Sonne des modernen Kapitalismus handelte, um einen profanen "Kundenparkplatz". Da ich kein Kunde war, konnte ich nur geknickt meiner Wege gehen und mir, neurotisch wie ich bin, ein Eis kaufen.

Wahrheit und Krieg oder: Georgia on my internet-mind

Die Frage nach der Wahrheit ist alt, aber ehrwürdig. Sie gleicht einer eleganten, in die Jahre gekommenen Lady. Ingeborg Bachmann schrieb "was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen". So weit, so wahr. Im Bezug auf Krieg heißt es, sein erstes Opfer sei die Wahrheit. Einerseits ist man als halbwegs postmoderne Existenz gewohnt, Wahrheit an sich in Frage zu stellen, und alles für "konstruiert" zu halten. Andererseits drängt es einen ja doch zu erfahren, was da so genau vor sich geht in Georgien. Schwere Geschütze werden aufgefahren: Von "Völkermord" war bereits die Rede. Dass Russland kein nettes Land mit demokratischer Führung ist, dürfte außer Altkanzler Schröder eigentlich jedem klar sein. Dass der neue Präsident quasi der alte ist, wurde ebenso offensichtlich; ähnlich hat das schon Viktor Pelewin in "Generation P" beschrieben - dort sind alle russischen Politiker Klone. Lupenrein war das Vorgehen des georgischen Staatschefs allerdings auch nicht. Vor Anhängern sagte Saakaschwili, Georgien sei die "Grenze zwischen Gut und Böse". Schön wäre es ja, wenn es diese Grenze wirklich gäbe. Leider ist sie ebensowenig zu finden wie die Trennlinie zwischen Information und Propagdanda, Lüge und Wahrheit. Dabei spielen die neuen Medien eine entscheidende Rolle: So hat sich, wie auf SPIEGEL online zu lesen ist, der Krieg ins Internet verlagert. Russische Hacker legen georgische Seiten lahm. Estnische Computerspezialisten unterstützen georgische Kollegen. Außerdem würde in Blogs Propaganda betrieben. Man befürchtet sogar, die Regierungen könnten Blogger in Zukunft für die Verbreitung iher spezifischen Wahrheit bezahlen. Mir ist allerdings bis jetzt kein entsprechendes Angebot unterbreitet worden.

8/09/2008

Wo liegt Ossetien?

Es ist nicht so, dass ich mir den Kalten Krieg zurückwünsche. Vor dem roten Knopf hatte ich schreckliche Angst. In einem Video von Genesis drückt Reagan da ausversehen drauf und alles geht in die Luft. Man las bedrückende Kinderbücher wie "Die Wolke" (Atmokraftwerk explodiert) und "Die letzten Kinder von Schewenborn" (ganz Deutschland stirbt am Atomkrieg). Allerdings muss ich sagen, ein bisschen klarer war die Situation schon: Wir hüben, die drüben, und dahin sollten sich alle scheren, die hier nicht reinpassten. Kommunisten, Kapitalisten, dazwischen ein paar Pazifisten. Heute fragt man sich doch: Wo strebt das hin? China ist ja eine Diktatur, die kommunistische Propagdandaschnipsel mit frühkapitalistischer Ausbeutung mischt, dass es nur so eine Art ist. Als wären zwei Zeitalter der Erde durcheinandergeraten. Da wird auch Olympia nichts dran entwirren. Und jetzt wird Krieg geführt in Ossetien. Bis vor kurzem wusste ich nichtmal, wo das liegt. Russland hat seine Finger im Spiel und führt sich auf wie vor 40 Jahren bei der Niederschlagung des Prager Frühlings. Heute spricht der russische Präsident Dmitrij Medwedew von einer "tragischen Krise". Nicht, dass die Begründung vor 40 Jahren besser war, aber man hat sich mit Stichworten wie "Konterrevolution" und "Revanchismus" ideologisch einfach noch ein bisschen mehr Mühe gegeben.

8/06/2008

Der Supermarkt als Utopie

Der Supermarkt bei mir um die Ecke verkörpert die in Franz Kafkas "Amerika" gezeichnete Utopie einer Welt, in der für jeden Menschen Platz ist. Die Kassiererinnen begrüßen einen nicht. Sie reagieren nicht auf Fragen. Sie sind langsam wie Menschen, die eigenlich schlafen. Oder sie drücken einem das Geld mit einem Lächeln, das nach Drogenrausch aussieht, in die Hand. Die Käsetheke ist meist verwaist. Produkte wie Oliven, Espresso, Butter oder Sahne sind manchmal tagelang nicht aufzufinden. Der Supermarkt funktioniert offensichtlich jenseits gültig geglaubter ökonomischer Regeln. Bei Kafka kommen alle Leute, egal, was sie vorher gemacht haben, als Arbeiter in einem riesigen Zirkus unter. Entgegen der Annahme, Kafka habe nur "düsteres Zeugs" geschrieben, geht "Amerika" gut aus. Die Leute müssen sich zwar, ganz schön kafkaesk, auf komplizierte Weise registrieren lassen. Aber dann sind sie angenommen. So wie die Kassiererinnen: Die Leute, die in meinem Supermarkt einkaufen, beschweren sich nie. Ohne zu drängeln stellen sie sich an, ohne Murren warten sie, wenn mal wieder eine Kasse nicht besetzt ist. Neulich sprang das Kartenlesegerät nach langer Zeit endlich an, und die Kassiererin strahlte und sagte zu mir: Was haben Sie für ein Glück!

8/03/2008

Von deutschen Sonntagen und Parteien

Wo Samstag ist, muss Sonntag werden. Wie der Samstag, so ruft auch der Sonntag immer wieder Beklemmung hervor. Im Klassiker "Deutscher Sonntag" von Franz-Josef Degenhardt heißt es: "Sonntags in der kleinen Stadt/wenn die Spinne Langeweile Fäden spinnt und ohne Eile/ giftig-grau die Wand hochkriecht,wenns blank und frisch gebadet riecht,dann bringt mich keiner auf die Straße ...". Degenhardt war Mitglied der DKP, der übrigens auch Dieter Bohlen mal kurz angehörte. Degenhardtmäßige Sonntage sind am Aussterben, die DKP feiert ihren 40. Geburtstag. Das liest sich so: "Die DKP ist heute das Beste, was die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung in der 90-jährigen Existenz von KPD und DKP hervor gebracht hat!". Sprachlich gesehen hat Degenhardt in seiner Existenz im Vergleich zur DKP jedenfalls das Beste hervor gebracht.

8/02/2008

Samstag war Selbstmord

Es gab mal eine Zeit, da sang man in der westlichen Welt von der Bedrückung durch feste Jobs und zu viel Freizeit. Diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Zwar ist das Lied von Donovan, in dem ein junger Mann vom Personalchef schockiert hören muss, in seiner Firma arbeite man "until you die", bereits aus den schwingenden 1960ern. Gar nicht so lange her, oder schon wieder doch?, ist Tocotronics "Samstag ist Selbstmord". Genauer gesagt, von 1995. Auf dem Höhepunkt meiner Jugend sang also diese Band: "Wer hat das Wochenende erfunden/Die ganze Menschheit ist dadurch geschunden/ Geschunden durch Verwandtenbesuche/ Geschunden durch den Sportverein/Geschunden durch Kaffe und Kuchen/ Samstag ist Selbstmord". Und in der letzten Strophe heißt es sogar: "Wer hat das Wochende erfunden ?/Die ganze Menschheit geht daran zugrunde/Zugrunde an der Gemütlichkeit/Zugrunde an der Gartenarbeit/Zugrunde an zuviel Freizeit".
Als Mitglied der prekären Bourgeoisie würde ich mir nichts mehr wünschen als "zu viel Freizeit". Heute denke ich sogar: Gartenarbeit, hey, warum nicht? Leider habe ich keinen Garten.

8/01/2008

Gesäuberte Querdenker

Ob Wolfgang Clement aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wird oder nicht, ist mir herzlich egal. Bemerkenswert finde ich aber, dass eine Zeitung, die den Parteiausschluss ablehnt, heute morgen schrieb, Clement sei ein "Querdenker". Die Zeitschrift FOCUS hatte den Exminister schon vor längerer Zeit derart schmeichelig beschrieben: "Wolfgang Clement - Journalist, Superminister, Querdenker". Auch Oswald Metzger wurde diese Bezeichnung jahrelang zuteil. Jetzt ist er in der CDU. Wolfgang Clement könnte doch ebenfalls in die CDU gehen, denn diese bietet offenbar ein gutes Umfeld für Querdenker. Übrigens scheint das Label Querdenker auch außerhalb der Politik beliebt zu sein: Im Netz finden sich Querdenker-Architektur- und PR-Büros, "Business"-Querdenker, Querdenker-Informatik-News, Querdenker-Blogs, Querdenker-Spielekritiker, Querdenker-Zentren für "Begabtenförderung". Voll quer gedacht ist dann allerdings wiederum der Kommentar einer Zeitung, die Clements Parteiausschluss befürwortet: Dieser sei nötig für eine "Selbstreinigung der Partei". Historisch gesehen, liebe Zeitung, sind Parteien, die gereinigt oder gesäubert werden müssen, auf lange Sicht jedenfalls nicht erfolgreich gewesen.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...