10/29/2008

Der Unterschied zwischen Bukowski und den anderen

Heute kam eine Buchrezension im Radio. Da ich keinem Kollegen zu nahe treten möchte, verschweige ich den Titel des Buches. Er ist mir, ehrlich gesagt, sowieso entfallen. Es ging um einen Mann in einem sagen wir Laden, und es kommt eine Frau herein, die umwerfend schön ist. So weit, so gut. Der Mann jedenfalls beginnt der Frau Geschichten zu erzählen und verliebt sich in sie, und das ganze Buch handelt von den echt abgefahrenen, total originellen, super poetischen Geschichten, die der Mann in unerschöpflicher Kreativität von sich gibt. In einer dieser Geschichten "in der Geschichte", die das Herz der Schönen schließlich schmelzen lassen, kommt eine wahnsinnig sexy Sekretärin vor, die hingebungsvoll die Worte eines alternden Schriftstellers aufzeichnet. Ob sich der Schriftsteller dann auch in die fleißige Sekretärin, die natürlich heimlich Literaturfreudin ist, verliebt, habe ich vergessen, aber ich nehme es an.
Die Story vom sensiblen, gerne älteren Künstler-Sack und der jungen Knacke-Muse scheint schreibende Männer derart zu begeistern, dass sie uns in allen Variationen begegnet, bei so unterschiedlichen Schriftstellern wie Walser, der das Ganze mal eben auf Goethe projiziert, bis zu Philipp Roth (wobei mir Roth natürlich ungleich lieber ist - sowohl als Walser als auch als Goethe). Die Story jedenfalls ist immer gleich: Alternder Professor/Arzt/Schriftsteller verliebt sich in junge Muse/Putzfrau/Studentin. Schlimm ist aber nicht, dass irgendwelche einsamen Männer sexy Frauen leidenschaftlich begehren oder einfach nur vögeln wollen. Damit komme ich gut klar. Z.B. habe ich kein Problem mit "Lolita" von Nabokov, oder mit Kurzgeschichten von Bukowski. Schlimm ist es erst, wenn das Ganze mit einer bildungsbürgerlichen Glanzschicht überzogen und veredelt werden soll: Die Frau im typischen Männer-Bibü-Roman von heute ist nicht nur schön, sondern natürlich total reif und überlegt für ihre 19 Jahre, so dass die 37 Jahre Altersunterschied zum sensiblen Künstler gar nicht auffallen, oder sie ist zwar nur Putzfrau, wollte aber eigentlich nach Harvard gehen, sie wirbelt jedenfalls das Leben der einsamen männlichen Künstlerseele nochmal so richtig durcheinander mit ihrer sinnlichen Energie und Lebensfreude und ist dabei nicht nur zufällig eine Naturschönheit und immer gut drauf, sondern hat auch einen klasse Charakter, der den Künstler so richtig kraftvoll durch-läutert, und von dem man nur leider nicht viel mitbekommt, weil das Buch hauptsächlich von den intelligenten Ergüssen des Mannes handelt. Dann doch lieber Bukowski! - "Betrunken um 3 Uhr morgens, am Ende meiner/ zweiten Flasche Wein, 12-15 Seiten Poesie/ getippt - ein alter Mann, noch im / Dämmerlicht seiner letzten Jahre/ geplagt von der Gier nach jungem/ Mädchenfleisch".

Teil III: Sinnlos, Gedichte

Und zum dritten: Auch in der Lyrik habe ich einige Patzer zu verzeichnen. Zumindest blieb mir der kritische Gehalt dieses alten Gedichts, das ich vor Jahren schrieb, beim Wiederlesen verschlossen:

Riesendetektor

-- 20 Jahre Glückwunsch --

Bruchteil der Körper

Teilchen

Frei-Setzung

Gigawatt! Gigawatt!

Anti-Neutrinos

Netz o ja Testmessung

Spaltung eines Uranatoms

Spaltung eines Plutunionatoms

Brennstäbe

Nackte Stäbe

Glatzen

Atomkontrolleure

Verlässliche Daten

Material abzweigen

Bruch der Körper

Geteilt

Freisetzung von Krankheit

Anti

anti

Neutrino süß

O ja glückwunsch hallo

Sinnlose Notizen II: Romanprojekte

Ebenfalls mit Staunen nahm ich von Notizen Kenntnis, die nie verwirklichte Schreibprojekte betreffen. Die in einer versteckten Datei vor sich hin brütenden Ideen müssen schon einige Jahre auf dem Buckel respektive Buchstaben haben.
Glück kann auch bedeuten, dass nicht alles in Erfüllung geht, wovon man einmal geträumt hat. Sonst gäbe es heute vielleicht zwei Romane, deren Story-Line sich ungefähr so liest:

Ausweiden
Eine Exvegetarierin findet ihre größte Lust im Ausweiden von Fischen, im Hineingreifen in die ehemals lebendige Materie. Ihre Obsession steigert sich zum sexuell aufgeladenen Wahn.


Die Gartentadt
Eine menschenfreundliche Arbeitersiedlung in einem unbestimmten Land: Beschrieben wird in Form eines Art historischen Berichts der Aufbruch, einer Hochphase, des Niedergangs. Eine Reflexion auf die Utopien des 20. Jahrhunderts.

PS: Ich war zwanzig Jahre lang Vegetarierin. Spaß am Ausweiden von Fischen hatte ich nie.


10/26/2008

Sinnlose Notizen

Von Zeit zu Zeit plane ich mit großem innerlichen Getöse, ein Theaterstück zu schreiben. Meistens kommt mir nachts eine Idee, ich springe auf, renne zu einem erreichbaren Medium oder Stift, und beginne, Notizen aufzuzeichnen. Hinsichtlich des Notizenmachens kennt der Volksmund ja grob gesagt zwei Schulen: Die relaxte Egal-Schule geht davon aus, dass "wenns wichtig war, fällts dir morgen wieder ein". Die angespannte Realisten-Schule sagt sich, "schreibs lieber gleich auf, sonst ists weg". Ich schwanke immer wieder zwischen diesen beiden Positionen. Je nach dem Grad der Anstrengung, die das Aufstehen bedeutet, rede ich mir ein, dass ich mir jetzt nur alles ganz genau merken muss, oder ich zwinge mich, mich doch noch ächzend aus dem Bett zu erheben. Eine dritte Schule müsste beide Positionen zusammenführen und dringend auf einen weiteren Faktor hinweisen: Die Sinnhaftigkeit der nachts angefertigten Notizen. Nachdem ich in den letzten Monate mindestens drei Theaterstücke anfing zu schreiben, die Titel tragen wie "Abschaum Imbiss Courage", "Siegen Drei" oder "Hotel Lux" bleibt mir die nachts aufgezeichnete "große Idee" zu folgendem Theaterstück bei morgendlicher Lektüre leider verschlossen:

Cato Kapitalismus

Brutus/ Camille Desmoulins

Cato/ Robespierre

Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann

10/20/2008

Kim zum Zweiten Il nochmal

In der offiziellen Biopgraphie Kim-Jong-Ils soll es über seine Geburt heißen: "Als Kim Jong Il am 16. Februar 1942 am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, verkündeten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern die Ankunft des Erleuchteten." Was werden die dann erst schreiben, falls er tot ist?

Fast tote Diktatoren: Kim Il Dings


Es verbreitet sich, was Zeitungen "wilde Gerüchte" nennen: ist Nordkoreas Diktator tot? Kim-Jong-Il ist eine faszinierende Persönlichkeit. Sein Narzissmus und Wahnsinn wirken wie aus der Zeit gefallen. Wie bringt er seine Leute nur dazu, ihn trotz Getreidemangels, internationaler Isolation und sonstiger Misserfolge nicht zu stürzen, sondern statt dessen noch irre Choreographien mit bunten Pappschildern, die Bilder formen, hinzulegen? Die Rede vom Ornament der Masse kam mir nie überzeugender vor, als beim Betrachten von Bildern aus Nordkorea. Höchstens die Chinesen bringen das noch, dass sich tausende von Eigentlich-Individuen im Gleichschritt bewegen, dazu noch so grazil, wie ich es beim Barrenturnen im Sportunterricht gerne mal gekonnt hätte.
Die Regierung in Nordkorea ist höchst raffiniert und ganz schön vielseitig. Wie sonst könnte eine Zeitung bei einer "wichtigen Mitteilung", die für morgen angekündigt ist, ein so buntes Spektrum an Mutmaßungen ausstoßen wie: "Ist Nordkoreas Diktator Kim Jong-il tot (1)? Will das Land eine Atombombe zünden (2)? Oder einen Friedensvertrag anbieten (3)?".
Leider weiß ich über Kims Pläne nicht Bescheid. Aufschluss bietet auch das lesenswerte, vor zig Jahren von einem Freund geschenkte Buch "Sex Lives of the Great Dictators" von Nigel Cawthorne nicht. Hier ist neben so diktatorischen Schwergewichten wie Hitler und Mao nur für den Vater, den Sung der Kim-Ils, Platz. Immerzu steht der Junior im Schatten. Kein Wunder, dass er nicht mehr leben oder gleich eine Atombombe zünden möchte. Immerhin darf er im Marionetten-Film "Team America" die Welt in die Luft sprengen. Über die von der Zeitung aufgemachten Optionen darf noch einige Stunden gemutmaßt werden.

10/19/2008

Filme, die ich sehen wollte

Letztes Jahr in Marienbad ist ein Film, den ich schon immer mal anschauen wollte. Genau wie Fahrenheit 451. Oder Wilde Erdbeeren.
Alle drei Filme begehre ich seit Jahren zu sehen, aber kurz vor dem Ziel kommt etwas dazwischen. Der Recorder streikt. Die Freunde wollen plötzlich doch "was anderes" angucken. Ich bin nicht in der richtigen Stimmung. Etwas in dieser Art.
Statt dessen gibt es Filme, die mir - wie zufällig - immer wieder vors Gesicht kommen. Sie begegnen mir einfach. Obwohl ich keinen Fernseher habe. Schwupp, einmal nur bei meiner Mutter zu Besuch, schon wieder Doktor Schiwago. Bei einem Freund in Hamburg: Er fragt: Was gucken? Ich: Ja, was denn? Er: Na, ich schlage "Doktor Schiwago" vor, das habe ich neu auf DVD. Ich: ok. So habe ich schon mindestens acht Mal den Film Copy Kill gesehen, in dem ein wahnsiniger Massenmörder der die Psyche von Massenmördern untersuchenden Psychologin Dr. Irgendwas, gespielt von der übrigens hinreißenden Sigourney Weaver, nach dem Leben trachtet.
Die Filme, die ich immer wieder sehe, sind wie treue alte Bekannte, die einem nicht von der Seite weichen. Die Filme, die ich sehen wollte, wachsen sich in meiner Phantasie zu utopischen Orten aus. Während andere von Stränden an der Südsee träumen, befinde ich mich im letzten Jahr in Marienbad.

10/17/2008

Banken Retten II

Heute fiel mir auf, dass ich an Gegenwartsverweigerung leide. Statt zu versuchen, endlich die Mechanismen des internationalen Finanzsystems zu durchschauen, fotografiere ich mit der Digi-Cam Bilder vom Börsencrash 1929 aus Büchern ab. Das gibt mir beim Anschauen der Fotos das authentische Gefühl, dabei gewesen zu sein. Leute stehen vor einer Bäckerei und schauen sehnsüchtig, Menschenmassen an der Wall Street, Banker verkaufen ihr Auto für 100 Dollar.
Menschenmassen an der Wall Street am selben Tag kurz nach dem Börsenkrach
Was momentan passiert, leuchtet mir nicht ein, weil es kein passendes Foto dazu gibt. Außer vielleicht das strahlende Gesicht Angela Merkels am heutigen Freitag, als das Bankenrettungspaket unter Dach und Fach ist. Untendrunter steht: "Erleichterung und Stolz in Berlin". Für einen Freitag ist das ja wohl nicht black genug.

Kindisch

Ich bin schon ganz schön kindisch, aber heute, als die Meldungen über den erfolgreichen Bankenrettungsplan bei mir eintrudelten, dachte ich nur:
Alle retten Banken - wer rettet mich?

10/11/2008

So dann doch nicht

Im Leben jedes Menschen gibt es böse Momente. In diesen wünscht man sich, dass einem nicht genehme Personen unschöne Sachen erleben. Besonders, wenn die Personen noch irgendwie symbolisch für etwas stehen, das man nicht so gut findet. Es hätte also Momente gegeben, da wären Schlagzeilen wie "Jörg Haider verunglückt" oder: "Ackermann f l e h t Staat um Hilfe an" mir wie Öl runter gelaufen. Jörg Haider ist bei dem Unglück gestorben. Und Ackermann fleht, weil die globalen Märkte zusammenbrechen. Da fragt man sich, musste das Schicksal gleich so auf die Pauke hauen?

10/05/2008

Terroristen an der Tanke

Heute benötigte ich Toilettenpapier und Schokolade. Da Sonntag war, lief ich zur Tankstelle um die Ecke, die aus unerfindlichen Gründen "Bounjour" heißt. Vor der gläsernen Eingangstür blieb ich stehen: Da hingen zwei Plakate. Mit komischen Männern drauf. Die sahen ziemlich fanatisch aus. Kein Wunder: als Überschrift prangte da groß und fett das Wort TERRORISMUS. Alle in den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewachsenen Menschen wissen, was ich sofort vor mir sah: Die schwarzweißen Poster, auf denen nach der "Baader Meinhof Bande" gefahndet wurde. Ich fand, dass die alle so dünn aussahen. Einige meiner Freunde fürchteten sich davor, dass die Terroristen nachts kommen würden und sie entführen oder umbringen. Meine Mutter sagte, ich bräuchte keine Angst zu haben. Sie erklärte mir, die seien zwar auf dem falschen Dampfer, die Terroristen, aber am Anfang hätten sie "nur" Kaufhäuser in die Luft gesprengt. Mich verwirrte das etwas, und das mit dem "nur" habe ich auch nicht recht kapiert. Aber es beruhigte mich zu wissen, das ich nicht zur Zielgruppe dieser dünnen Leute gehörte. Der Terrorist an der Tanke sieht eher moppelig aus, finde ich. Und dass ich nicht zu seiner Zielgruppe gehöre, kann man vermutlich auch nicht behaupten. Seufzend denke ich an die guten alten Zeiten, kaufe mir noch eine schlechte Glamour-Zeitschrift und beschließe, mir zur Beruhigung doch noch den "Baader Meinhof Komplex" im Kino anzuschauen

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...