10/12/2010

Jelinekeske Busenfreunde

Empfohlen sei an dieser Stelle ein nicht mehr ganz neuer, kleiner, bitterböser, trauriger Film: "Der Busenfreund" von Ulrich Seidl (1997). In einer verlotterten Wiener Wohnung lebt der ehemalige Mathematiklehrer Rene Rupnik mit seiner alten Mutter. Sein Frauenideal: Die Schauspielerin Senta Berger. Und vor allem ihre Figur. Die Brüste der Berger reizen den Mathematiker zu einer Abhandlung über Sinus und Cosinus als Sinnbild der weiblichen Schönheit. Unter der Oberfläche von Verehrung und Anbetung wuchern bei dem noch unberührten Junggesellen Gewaltphantasien: Demütigung, sexuelle Obsession, Frauen- und Selbsthass mischen sich hier zu einem explosiven Gebräu. So abgedreht und einzigartig der Sonderling Rupnik auch wirkt, so genuin entspringen seine Obsessionen und Phantasien doch dem Herz der modernen - nicht nur österreichischen - Gesellschaft. Ein Film, als hätte die Jelinek das Drehbuch diktiert. Sehenswert!

3/31/2010

Kommunistin und schwarze Köchin

Eine "schwarze Köchin" nennt Elfriede Jelinek die Schriftstellerin Gisela Elsner, eine Schwester im Geiste, die lange vor Jelinek, bereits in ihrem 1964 erschienenen Debut "Die Riesenzwerge", die Verlogenheit und Enge der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft inklusive ihrer Faschismus-Amnesie mit großer Klarheit und scharfem Humor aufgespießt hat. Die "schwarze Köchin", das ist die mythische Figur, die den Kinder Angst einjagt und vor der man wegrennen muss.
Buchstäblich weggerannt ist sie tatsächlich, die bundesdeutsche Öffentlichkeit. Selten wurde eine Schriftstellerin nach ihrem gefeierten Erstlingswerk so sehr in die Ecke gedrängt, geschnitten, schließlich vergessen wie die Elsner. Heute scheint sie höchstens noch durch den Film "Die Unberührbare", eine zwiespätige, allerdings bewegende filmische Annäherung ihres Sohnes Oskar Roehler, in Erinnerung zu sein. Angst eingejagt hat Elsner - die "Kleopatra" - dem bildungsbürgerlichen Publikum anscheinend: mit ihrer überdimensionierten schwarzen Perücke, der Zerbrechlichkeit und Elegantheit ihres Auftretens, mit ihrer stur kommunistischen Einstellung auch in Zeiten, als dieses lange nicht mehr oppurtun und in Mode war, und natürlich zuallererst mit ihrer hervorragenden, messerscharfen, oft satirischen Literatur.
Dem Selbstmord Elsners 1992 ging die finale Herabwürdigung ihrer Bücher, die sich in den 1980er Jahren zunehmend weniger verkauften, durch den Rowohlt Verlag voraus. Kurz vor ihrem Freitod sprach sie verzweifelt von einer "Totalverramschung meiner Bücher", welche sie "an den Rand des Ruins" gebracht hätten - ihr Werk existiere nach dem "Elsnerräumungsschlußverkauf" nicht mehr. Rowohlt hatte der Autorin nüchtern mitgeteilt, der Verkauf ihrer Bücher - weniger als zehn Exemplare pro Titel im Jahr - liege "unter der wirtschaftlich vertretbaren Grenze". Man sehe sich gezwungen, "die festen Ladenpreise aufzuheben".
Heute harren viele herausragende und vergessene Werke Elsners noch der Wiederentdeckung, so auch das bitterböse und erschütternde "Abseits" von 1982, in der sich der Würgekreis der Kleinbürgerlichkeit um eine junge Ehefrau schließt und so weit zuzieht, dass diese schließlich Selbstmord begeht. Einige Texte der Schriftstellerin sind glücklicherweise wieder erhältlich: Der Berliner "Verbrecher Verlag" hat sich dieser Neuherausgabe angenommen. Elfriede Jelineks Essay zur "schwarzen Köchin" ist in einem Sammelband erschienen, der sich mit dem Werk einer der bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts beinahe zwanzig Jahre nach ihrem Freitod endlich angemessen auseinandersetzt.
(Christine Künzel (Hg.): Die letzte Kommunistin. Texte zu Gisela Elsner).

2/10/2010

Age of lauwarme Ratschläge

Michel Foucalt hat gewusst, wovon er sprach, als er die Psychologie als säkularisierte Pastoralmacht mit dem unwiderstehlichen Hang zur Beichte und zum Geständnis entlarvte. In allen Medien wird man heute mit pseudopsychologischen Ergüssen und Ermahnungen behelligt. So titelt yahoo "Was Single-Frauen falsch machen". Hier wird dann auf das Buch einer gewissen Lori Gottlieb verwiesen, das folgende bahnbrechenden Erkenntnisse bereithält: "In "Nimm ihn!: Einen Richtigeren findest du nicht" erklärt Lori Gottlieb, warum zu hohe Ansprüche der Liebe schaden. Es käme weniger darauf an, nach dem Traumprinzen zu fahnden. Stattdessen sollten gerade Frauen überdenken, was wirklich wichtig ist." Aha. Msn berichtet heuchlerisch über die "sieben Todsünden-Tools", "bei denen nur noch die virtuelle Software-Beichte hilft", um diese dann gleich zum Download anzubieten.
Neben einem allgemeinen, sich heute wieder ausbreitenden Hang zum Aberglauben (welchen die BUNTE diese Woche mit einer prachtvollen und peinlichen Bilderstrecke bedient) drückt sich hier eine heuchlerische Mahnkultur aus. Das "erkenne dich selbst" ist nicht darauf ausgerichtet, dass Menschen sich besser fühlen, sondern darüber, dass sie sich anhaltend als defizitär empfinden. Denn genau die unverbesserlichen "Todsünder", die "ewigen Singles", oder die Übergewichtigen, denen in Frauenzeitschriften gleichzeitig eingeredet wird, es solle nun "Schluss mit dem Diätwahn" sein, um ihnen einige Seiten später eine weitere Diät anzudrehen, sind es, die als Identitätskonstrukte die Hauptzielgruppe des Konsums bilden.

1/26/2010

Anonyme Taliban

Warum nur stelle ich mir beim "Aussteigerprogramm für Taliban", diesem sicher gutgemeinten Soft-Power-Instrument der Bundesregierung für Afghanistan, unweigerlich eine Selbsthilfegruppe vor?
"Und du, schaffst du es heute?" - "Ich schaffe es, ich schneide mir den Bart ab! Vor allen, gleich jetzt!" - "Ich ... ich bin rückfällig geworden und habe eine Frau, die mit Minirock rumlief, steinigen wollen" ..., etc.
Wohlfühl-Botschaften mit leicht pastoralen Zügen verbreitet auch unser Außenminister, der, zu seinen Visionen diesbezüglich befragt, sagt: "Es gibt viele Mitläufer der Taliban-Terroristen, die nicht aus fanatischer Überzeugung, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen auf einen falschen Weg geraten sind".
Daher weht nämlich auch der Wind: Beim Aussteigerprogramm geht es nicht um Selbsthilfegruppen, sondern um Dollars. Cash. Man möchte ja armen, gebeutelten Ex-Taliban, die sich in mühsamer Selbstzermürbung (siehe oben) von ihrer Ideologie losgesagt haben, nicht den Weg zu ihrer finanziellen Sicherheit verbauen, nur darf man sich doch fragen: Sollten nicht erstmal die genügend Geld erhalten, die die Taliban bekämpfen? Die Zivilbevölkerung, die sich nichts hat zuschulden kommen lassen?
Die Taliban-Anführer haben jedenfalls schonmal eine nette Antwort auf die gut gemeinten Bemühungen parat gehabt: So sagte ihr Sprecher Mullah Brader Akhund: "Die Mudschahedin des islamischen Emirates Afghanistan sind keine Söldner. Dieser Krieg wird erst dann zu Ende sein, wenn alle ausländischen Eindringlinge unser Land verlassen haben." Nach Selbstkritik klingt das zumindest nicht gerade.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...