11/23/2011

"Verzeih mir, wenn ich gehe" - Zum Tode Georg Kreislers



"Die Welt ist eine Ansammlung von komischen Tiern/Die sich an das Leben klammern und nur selten amüsiern."

Georg Kreisler konnte mehr als "Tauben vergiften im Park". Seine Songs hatten Stil, Charme, Klasse und Witz. Als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren, musste Kreisler nach dem "Anschluss" Österreich durch die Nationalsozialisten in die USA emigrieren, wo er sich als Entertainer, im Zweiten Weltkrieg als Dolmetscher und Soldat, nach Kriegsende als Hollywood-Komponist durchschlug. Kreislers Wortwitz und Humor und seine große Musikalität waren Grundlage eines bewegten Lebens als Kabarettist, Chansonier, Schriftsteller und Musiker. Ob der bisweilen beißenden Schärfe seiner Kunst gleichermaßen umstritten wie verehrt, blieb er einem breiteren Publikum doch vor allem der „Taubenvergifter“. Dabei setzte Kreisler sich in seinen Liedern, immer in scheinbar leichter, müheloser Manier, doch grundiert von tiefer Melancholie, mit Politik, jüdischer Geschichte und der Heimatlosigkeit des Exilanten auseinander: "Ich fühl mich nicht zuhause/zuhause --- verzeih mir, wenn ich gehe." Heute ist Georg Kreisler im Alter von 89 Jahren gestorben.

Zum Weiterlesen empfehle ich auch ein schönes Interview, das die ZEIT vor nicht allzu langer Zeit mit Kreisler führte.

11/14/2011

Die Schmuddelkinder sind gegangen - zum Tod von Franz-Josef Degenhardt

In westdeutschen Kleinstädten las man auch zu meiner Schulzeit noch vor allem Schiller und Goethe. Als wir in der elften Klasse waren, brachte unser Deutschlehrer uns plötzlich Liedtexte mit. Diese Elemente der bis dato selten gestreiften Populärkultur sollten wir nun auf ihren literarischen Gehalt hin prüfen. Als Schlager-Beispiel diente ihm "Tränen lügen nicht" von Michael Holm. Das Gegenbeispiel war "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" von Franz-Josef Degenhardt. Der Song hatte zwar damals schon einige Jahre auf dem Buckel, doch erschien er mir geheimnisvoll und ziemlich modern. Wo zum Teufel lag wohl die "Oberstadt"? Wie hörten sich "Rattenfängerlieder" an? Und ist das Refugium bei den "Schmuddelkindern" nun das Paradies, in dem man dem engen Kleinstadt-Muff entkommt ("Muff", auch so ein zeitgebundenes Wort, ein Begriff, der einen sofort an die 50er und 60er Jahre denken lässt ...), oder ist es eine verrohte Hölle? Heute ist Franz-Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren gestorben - und mit ihm ein Stück Liedermacher-Bundesrepublik.