6/10/2013

Aus den Untiefen des Supermarkts

Im Supermarkt sah ich zuerst eine monströs dicke Frau mit Laufhilfe in einem hellroten, zeltartigen Kleid. Sie erinnerte mich an eine Figur in einem David-Lynch-Film. Eine Vorbotin! Für was? Zwischen den Bananen tauchte nun eine zweite Frau auf, die zielsicher auf mich zuging. Sie wirkte empört, fast verärgert und sah mich aus alten Augen eindringlich an. Dann sagte sie in einem dumpf klingenden Dialekt: "Ich hätte sie auf der Straße vorhin fast aufgehalten."
Ich versuchte mich zu erinnern: Tatsächlich, jemand war auf der Straße seltsam dicht hinter mir gelaufen. Aber warum? Eine Petition, ein Hilfegesuch? Die Frau sah an mir herab, sie deutete auf meine rutschende Hose und sagte mit großer Bestimmtheit: "Man sah ihren Arsch".
Sie rollte das R dabei. Verstört bog ich ab zum Nudelregal, obgleich ich gar keine Nudeln brauchte.

fluten!

Ans Herz gelegt sei dieser von der letzten großen Flut inspirierte Roman des Autors Jörg Jacob. Dicht und eindringlich erzählt "fluten" die Geschichte eines Mannes, der im Angesicht des steigenden Wassers nicht die Flucht ergreift, sondern ausharrt. Eigentlich bräuchte es keiner erneuten Flutkatastrophe, um auf dieses großartige, 2009 erschienene Buch hinzuweisen.


Jörg Jacob fluten
Erzählung 120 Seiten
KlBr. ISBN 978-3-89812-630-4

Die Flut kommt. Unaufhaltsam. Dunkel und bedrohlich steigt das Wasser. Stufe um Stufe bewegt es sich Carl und seiner Frau entgegen. Der Strom ist längst ausgestellt, die Nachbarn haben sich mit Sandsäcken in ihren Häusern verschanzt, auch Carls Frau hat versucht, das Nötigste zu tun. Aber Carl verweigert sich selbst dann noch allen Gegenmaßnahmen, als die Anwohner bereits mit Hubschraubern von den Dächern gerettet werden – und lässt kommen, was da kommt.
Inspiriert vom Erlebnis des Jahrhunderthochwassers erzählt Jörg Jacob in diesem Prosatext atmosphärisch dicht von einem Mann, dem der natürliche Flucht- und Schutzreflex abhanden gekommen ist. »fluten« ist eine eindrückliche und sorgfältig komponierte Studie über einen Mann in einer Ausnahmesituation, einen Stillhalter, bei dem sich die vielen kleinen Unauffälligkeiten des Alltags zu einem ungeheuerlichen Verhalten ausgewachsen haben und sich spektakulär Raum verschaffen.


6/05/2013

Frau Czerninski Diät

Bei der Frau Czerninski Diät durfte man am Wochenende Schnitzel essen.
Auch Sahnetorte war erlaubt, und Salami. Leicht konnte der Verdacht aufkommen, dass es sich nicht um eine wirkliche Diät handelte, die Frau Czerninsiki selbst erfunden und mit krakeliger Schrift auf zwei Seiten niedergeschrieben hatte, und die nun, kopiert, abgeschrieben, von Hand zu Hand ging. 

Die Schlange der Kunden wurde seit der Erfindung der Frau Czerninski Diät länger und länger, sie zog sich durch den gesamten Laden: von der Theke, hinter der Herr Czerninski mürrisch Brot einpackte, vorbei am Regal mit den Dosen - Ravioli, rot, Reis mit Huhn -, dem Kühlregal - Fleisch- und Wurstwaren -, den einzeln, auch in kleinen Spitztüten zu erwerbenden Süßigkeiten, bis zum Ständer mit den Zeitschriften und Comics am Ausgang: Eine Ausgabe der Gespenstergeschichten war für mich reserviert.

Ich stand schwitzend da. In der Hand hielt ich das Geldstück, das mir meine Mutter mitgegeben hatte. Das Geldstück rutschte herum, es wurde feucht, jeden Moment konnte es sich lösen und aus der Hand auf den glattgewischten Boden oder hinter eines der Regale springen. Das war einmal passiert. Einige von Frau Czerninskis Kunden hatten mit mir gesucht, auf den Knien rutschend unter die Regale geschaut, keuchend hatten sie sich wieder aufgereichtet und mir über das Haar gestrichen: Das Geld war verschwunden geblieben, und ich hatte geweint, was wohl meine Mutter dazu sagt. Die Leute hatten versucht, mich zu beruhigen, meine Mutter müsse doch verstehen, dass so was vorkäme. Es hatte mir gefallen, dass man glaubte, meine Mutter sei streng und kümmere sich um mich und habe unumstößliche Prinzipien, und Tränen waren mir über das Gesicht gelaufen, salzig und echt. 

Der Mann vor mit schwitzte, der Schweiß lief ihm in langen Bahnen aus seinem kurzärmeligen Hemd. In der Schlange die Laute der Menschen, Schweiß, Zusammenrücken, Eikaufskörbe, die klackend aneinanderstießen, das Wort: Diät. Ich starrte auf die Eisbox, ich scherte aus und beugte mich hinunter, zum Kirschwassereis, Florett, mein Rock rutschte nach oben. Jemand beobachtete mich, oder es war die Gier, die sich selbständig gemacht hatte und mir von hinten auf die Schulter tippte, ich fuhr herum. Niemand war mehr im Laden, der Moment des Hinunterbeugens musste lang gedauert haben, ewig, wie eine Erinnerung, wie wenn man unter Wasser die Luft anhält: nun war alles leer, und die Sonne, die durch das Ladenfenster kam, machte den Staub in den Regalen sichtbar - neben den Ravioli klaffte die Leere. Frau Czerniski kassierte mein Eis. Sie nahm mein Geldstück, sah mich misstrauisch an, von unten, wie es mir vorkam, ich musste gewachsen sein, so klein war sie auf einmal.

Als ich aus dem Laden trat, war es hell, die Hellligkeit drang durch meine Lider, die ich unwillkürlich zusammengekniffen hatte. Das Eis: lang und kühl im Mund, ich schob es weit hinauf in den Gaumen, bis ich einen Würgereflex spürte, Tropfen lösten sich, die Kehle hinab, über die Mundwinkel hinaus, so ging ich über den Parkplatz: Beton, Hitze, Staub, in der einen Hand das Wechselgeld, das ich mir selbst verdient hatte, nicht auf die Striche treten. Mit den Sandalen trat ich auf ein Papier, das dort lag, darauf war die Rede von zwei Broten mit fünf Gramm Butter. Erdbeermarmelade, ich sah sie vor mir, sie war sehr rot.

6/03/2013

Dream of Comiczeichnen

Mit süßen jungen 20 oder 21 Jahren strebte ich eine Karriere als Comiczeichnerin an ... es entstanden zahlreiche Strips wie der folgende - bis ich meine begrenzten Möglichkeiten einsah und mich fortan anderen Dingen widmete: wie der Rettung der Welt beispielsweise. Usw.


6/02/2013

Los, iss die Pizza

Halt dich am Computer fest. Keuche. Iss die Pizza, los iss die Pizza, beiß rein, nimm viel Käse dazu, schieb den Knoblauch mit der Zunge im Mund herum, damit sich das Brennen gleichmäßig verteilt. Kein Ekel vor dem schlechten Schinken, zerfetzten Schinken, der dazu gehört, inklusive ist, all inclusive, auch das Gefühl, den Schinken gerne wieder auszuspucken, behalt ihn im Mund. Genieß jetzt das Krosse, Weiche, das ewige Tomatenelement, das heilige Basilikum. Jetzt geh aus dem Zimmer, es ist an der Zeit, prüfe, ob alles noch da ist: Arme und Beine. Bewege zuerst das rechte Bein, dann das linke, oder nein, andersrum, andersrum, Anden-rum (was war das mit den Anden im Schnee … den schneebedeckten Bergen, den Alpakas? Ein Comic, nichts weiter, Donald Duck vermutlich, das Alpaka hatte so eine warme Wolle, die Dagobert für einen Pulli brauchte, es sprang dann auf einem Dach herum … fang nicht an zu frieren jetzt, es ist warm genug, dein Puls geht ruhig). 

Ignorier die Dreckverkrustung, du brauchst einen Tee dazu, Tee zur Pizza. Sieh beim Öffnen, beim Wassereinfüllen, nicht zu tief hinein, du hast das schon mal gemacht, tief hineingesehen in den alten Teekocher, metallfarben, Dreckschlieren, Kalk, ein Mitbewohner hat ihn dir hinterlassen (ihm hingen immer die Haare im Gesicht, pustete er sie in die Luft … Einmal lagt ihr ganz nahe herum in der Küche, Backe an Back auf dem Küchentisch, die Wohnung voller Lachen und Pfützen vom Regen der Leute, die längst gegangen waren, rausgetröpfelt, da hat er auf einmal über deine Wange gestrichen, ganz zart, mit der rechten, nach Zigarette riechenden Hand). Press Zitrone in den Tee, drücke sie, während der Kocher an ist, tief in die Zitronenpresse - blau, mit schrundigem Rand -, fasse dann mit der Hand hinein, in die Überreste der ausgewrungenen Zitrone, die Zitrone ist der von der Pizza am weitesten entfernte Pol, du bist von allem der am weitesten entfernte Pol auf der Welt, der Bildschirm leuchtet, und du fliegst los.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...