11/02/2016

Ryoba Ride Publikation

Zwei Schwestern und eine Säge ... ich freue mich über die Aufnahme meines Texts "Ryoba Ride" in den neuen Band des Würth-Literaturpreises "Kurz-Info Schränkung und Blattstärke". Das Motto kann nur von Kathrin Passig und Clemens Setz stammen.

Birgit Hofmann: Ryoba Ride, in: Kurz-Info Schränkung und Blattstärke. 27. Würth-Literaturpreis, hrsg. von Dorothee Kimmich und Philipp Alexander Ostrowicz, Künzelsau 2016, S. 51-58.

9/16/2016

Wasserbombe (Aus: Dinge als Kind)


Eine Wasserbombe kam von ganz oben. Wir standen unten, um sie aufzufangen, wir wurden freiwillig nass. Ganz oben standen die Bombenwerfer, sie sahen riesig aus, oben: Das war auf dem Felsen, wir standen unten in einem ausgebaggerten Tal. Wenn die Wasserbombe nicht gefangen wurde, zerschellte sie und spritzte, entleerte sich auf uns.Die Kinderfreizeit wurde von einer religiösen Gemeinschaft veranstaltet. Ich war zufällig reingeraten. Hatte meine Strichtasche gepackt, die weiße mit dem roten großen Knopf, und war losgegangen. In der Kindergruppe lernten wir die Bibel kennen. Wir durften durchsichtige Figuren der Bibelgeschichten auf einer Tafel zuordnen, wir sangen Lieder, nach dem Bibelkreis durften wir andere Dinge spielen. Die Leiterin sah aus wie eine Nonne, sie trug ein Tuch eng um den Kopf. Schwester Manuela hatte keinen Mann, sie ging auf Mission, wenn sie das Zimmer betrat, wehte eine andere Welt herein, in der es gut und böse gab, vielleicht Abenteuer in Afrika, in der es einen festen Glauben gab an etwas: an Gott, und an einen selbst, der an Gott glaubt.
Ich war ein unsicheres Kind, ich kaute meine Nägel. War schüchtern. Dinge bedrückten mich rasch, machten mich nervös. Mit anderen Kindern kam ich gut aus, aber wenn sie zu laut waren, bekam ich Angst. Die Kinder in der Kindergruppe waren ein merkwürdiger Haufen. Niemand war zugezogen, wie man sagte, wie ich. Aber kaum eines der Kinder kam aus einer religiösen Familie. Sie waren da alle auch so reingeraten, zufällig, sie kannten sich mit der Bibel noch weniger aus als ich, sie lernten widerwillig und merkten sich die Dinge kaum, es interessierte sie gar nicht, sie wollte immer Flüsterpost spielen und Fangen und kicherten viel. Sie schienen mir irgendwann wie ein verschworener Haufen, ihre Eltern schon kannten sich, sie alle waren aus dem Ort. Wie sie alle dazu gekommen waren, immer dienstags am Nachmittag zu Schwester Manuelas Kindergruppe zu stoßen, davon habe ich keine Ahnung. Sie waren dabei, sie waren da, und ich war auch dabei, mehrere Jahre. Und eines Tages sprach Schwester Manuela von der Freizeit. Sie fand ein paar Stunden weit weg statt, aber ich habe die Fahrt nicht mehr vor Augen, ich kann mich nicht daran erinnern, wie wir in den Bus stiegen, ob wir Orangesaft in Plastiktüten dabei hatten, klebrige Brote und mehlige Äpfel. Ich weiß nur, dass die Freizeit in einer Landschaft stattfand, die wie eine Wüste aussah: mit wilden Felsen, viel Sand, und es war sehr heiß an diesem Tag. Mir lief der Schweiß. Ich trug eine kurze Hose, die in die Oberschenkel einschnitt.

Schwester Manuela selbst leitete einige der Spiele, aber dort waren auch viele andere Erwachsene und Kinder – wo kamen sie her? Es gab viele Stationen, und man trug eine Karte um den Hals. Für jede Station gab es ein Häkchen und Punkte, es galt , alle Stationen abzuhaken. Man konnte etwas gewinnen, aber ich habe vergessen, was. Es stand außer Frage, bei etwas nicht mitzumachen, und ich machte bei allem mit. Ballweitwürfen, den Wasserbomben, vielleicht  gab es auch Stelzenlaufen. Bei Schwester Manuela durfte man eine Geschichte schreiben. Sie wartete auf die Kinder in einem Raum unter freien Himmel, der Raum war durch Pappwände begrenzt. Oder vielleicht gab es sie wegen der Sonne. Später sagte sie uns, dass sie abgelöst würde in der Kindergruppe, sagte es mit tapferem Bedauern, ihr Nachfolger sei ausgebildet, im Missionshaus. Er sei ein viel besserer Kindergruppenleiter als sie, aber das sollte nicht stimmen. Er nahm Kinder auf die Schultern, und er strich sich immer die Spucke in einer kleinen Geste mit Daumen und Zeigefinger aus dem Mundwinkel, was ich imitierte und was mir als Zwang über Jahre blieb.
Als Schwester Manuelas Nachfolger uns Dias zeigte, in denen es hieß, dass wir wie kleine Vögel seien, und wenn wir aus dem Nest fielen, dann würde uns die große Hand Gottes wieder aufheben, sagte ich: „Aber man darf kleine Vögel nicht aufheben. Sie werden dann von ihren Eltern nicht mehr akzeptiert.“ Der Nachfolger von Schwester Manuela schaute mich missbilligend an. Er antwortete nicht. Daraufhin bin ich nie mehr in die Kindergruppe gegangen. Er schrieb mir einen Brief auf einem Bogen mit einem Regenbogen, es war eines der grauen Umweltpapiere, die es damals gab, die erste, raue Generation, er würde sich so freuen, wenn ich zu ihm zurückfinden würde, in die Gruppe, und zu Gott. Ich zerriss den Brief und streute seine Überreste hinter das Bett. Vermutlich hat meine Mutter in den Jahren nach meinem Auszug öfter gesaugt, sonst würden die Schnipsel dort noch immer liegen.

Am Tag der Kinderfreizeit machten die Wasserbomben am meisten Spaß. Am wichtigsten aber war mir das Schreiben in Schwester Manuelas Pappraum in der Wüste. Ich war stolz und glaubte, meine Geschichte wäre die beste. Es ging, denke ich, um Gott. Schließlich musste man das Kerngeschäft auch ein wenig betreiben. An diesem Tag dachte ich nicht so viel an Gott, nur ein wenig. Ich war ganz dabei, lachte laut, als die Wasserbombe zerplatzte und ich nass wurde, mein Oberteil, die kurze Hose, alles trocknete rasch in der Sonne. Ich erinnere mich überhaupt nicht an die anderen Kinder, an kein einziges. Nur an mich selbst. An mich und Schwester Manuela in dem Pappraum, und wie ich schrieb und schrieb und schrieb, viel zu lange und viel zu viel, und ich war so sicher, dass sie beeindruckt sein würde, ich schrieb nicht für Gott, sondern für sie.

Orangenfarmer

Freue mich über den unlängst erschienenen Band "Von Aprikosen und Angsthasen" des Fördervereins deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg. Darin: meine Kurzgeschichte "Orangenfarmer" -- vom Ende der Utopien.

"Vom Wohnzimmer aus werdet ihr auf den Orangenhain sehen. Ihr werdet dort sitzen, wenn Regen fällt. Wenn es heiß wird. Manche mit angezogenen Beinen. Leise sprechen werdet ihr, mit angehaltenem Atem. Zeit ist keine Zeit: aus dem Zusammenhang gefallene Stunden.
So spricht der Farmer zu uns, und immer ist das Mädchen an seiner Seite. Orangenfarmer, so nennt mein Bruder den in fließende Gewänder mit Schlangemuster gekleideten Mann, dessen wettergegerbtes Gesicht seine Geschichten zu beglaubigen scheint. Klar stehen sie vor uns, wie die Adern an seinen Armen, zeichnen sich ab in der Dunkelheit der Gänge und noch vor den helleren Fenstern, wo es immer nach Zimt riecht, nach Ferne und nach dem Traum vom Orangenhain, den wir alle teilen."

Orangenfarmer, in: Von Aprikosen und Angsthasen. Ausgewählte Stipendiatentexte, hrsg. von Astrid Braun für den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, Bretten 2016, S. 91-100. Erhältlich hier.

6/16/2016

Brieffreunde


Die Adressen kamen in rechteckigen, rotumrandeten Bögen. Bis zu sechs von ihnen auf einer Seite, man konnte sie heraustrennen. Es waren die Anschriften für Brieffreunde.
Brieffreunde zu haben war wie einen Schatz zu horten, den man nie ausgeben darf. Das eigentlich Beglückende an den Brieffreunden waren nicht die mehr oder weniger lange dauernden Briefwechsel, die sich mit ihnen ergaben. Vielmehr war der erste Brief, den man von einem Brieffreund erhielt, ein Versprechen, das mit dem Klang der Namen der Länder, aus denen man Brieffreunde haben konnte, gegeben war und das nun schon auf seinen Höhepunkt gelangt war: Schweden, Russland, die Deutsche Demokratische Republik, La Reunion. Wo lag das, wie sprach man das aus, was gab es dort, wie waren die Menschen? In all diesen Ländern waren wir nie gewesen. Nur ein paar wenige Schüler wählten das Vertraute, Frankreich, England, oder gar die Schweiz. Wenn man die Adresse zuhause auspackte, holte man das Briefpapier hervor, es war dunkel, bedruckt mit fliegenden Vögeln, Blumen, Marienkäfern oder Regenbögen. Was schrieben wir? Wir schrieben unsere Namen, ungeschützt und eifrig, schrieben das auf, was man als Hobbies bezeichnete, dass man gerne Briefe schrieb war zu erwähnen, unbedingt, dass man gern Musik hörte und las. Doch schrieben das nicht alle? Sicherlich. Wie schwierig war es, für einen Schüler, eine Schülerin mit zwölf oder dreizehn Jahren etwas Besonderes an sich zu finden, es aufzuschreiben, vielleicht sogar auf Englisch, auf Französisch, das man doch noch kaum konnte, auch mit vierzehn oder fünfzehn war es ein Kampf, bedurfte es der Ausdauer, man schrieb ja noch mit der Hand, mit einem Füller, mit einem von den Eltern geliehenen Kugelschreiber, mit einem schwarzen Filzstift vielleicht. Ich habe eine Haustier, a pet. Und wie einem auffiel, dass das Haustier keinen besonderen Namen hatte, warum hatte man sich nicht etwas Besseres, gut klingendes ausgedacht, als der kleine Vogel, der Hund noch neu war? Und die Freunde, die mussten erwähnt werden, neben ihnen saß man in der Schule, schrieb ihnen Zettel, hatte immer etwas zu sagen, war man doch Bewohner des gleichen Kosmos der Schulbänke und Lehrernamen, des Stadtklatsches, der Nachbarschaften, der geheimen, längst geschlossenen Discotheken, der Kinos mit den blinden Schaukästen. Was aber schrieb man einem Fremden, jemandem in England oder Russland? I like singing but I am shy. Sometimes I am suddenly sad, I don`t know why. Klopfenden Herzens den Brief zukleben. Auf der Post das anerkennende Nicken des Postbeamten: Ein Brief nach La Reunion, das hat man nicht alle Tage, kennen sie jemanden da, wo liegt das denn überhaupt? Ja, da wohnt meine Brieffreundin. Eine Insel, ganz richtig, und es ist immer grün dort.

Eine Brieffreundin, das galt beinahe mehr als eine Schulfreundin, und bald schon würde sie einem auch etwas anvertrauen: My boy-friend left me. Fast zerfetzte man den Umschlag des ersten Briefs vor Aufregung, des Briefs mit der fremden Schrift, das Schreiben aus Schweden, dem das Bild eines blonden Mädchens beilag, das schrieb Tach or ditt langa brev, oder so ähnlich. Doch markierte dieser erste, lang ersehnte, bisweilen Wochen dauernde Antwortbrief auf den eigenen ungelenken Versuch, mit jemand vollkommem Unbekannten Kontakt aufzunehmen, bereits den Beginn der Entzauberung der Brieffreundschaft, den Anfang eines nahenden Endes. Er musste sofort beantwortet werden. Unverzüglich. Sofort das Briefpapier nehmen. So viele Fragen! Nach dem Lieblingsgericht (das des Brieffreunds: Pommes Frittes), dem Schulweg, oder ob man schon einmal verliebt war (der Brieffreund, ein Junge aus Russland, hatte tatsächlich zurück geschrieben, sagte: ja. Oder: Du siehst hübsch aus auf dem Foto. Noch nie hatte ein Junge so etwas gesagt). In Deutschland sei er einmal schon gewesen, er konnte auch ein wenig deutsch (vielleicht könnte er einen besuchen, überlegte man, doch wo würde er übernachten?). Die Wasserfälle im Schwarzwald. Schnitzel sei bekannt. Schon die Antwort auf den zweiten Brief etwas mühsamer: Was dem Mädchen schreiben, das der Boy Friend ins Gesicht schlug? So etwas hatte man noch nie gehört, es klang heftig, aber fern, unvorstellbar. Ich vertraute der Brieffreundin dann auch etwas an, das ich „meine Probleme“ nannte. Der beharrlich fragenden Schwedin antworten. Die junge Frau aus La Reunion fotografierte sich selbst vor einem großen Auto, mit zurückgeworfenem Haar und schickte Bilder von Früchten. Mit Autos konnte ich wenig anfangen. Das Mädchen aus der DDR schrieb, sie lese in der Schule Wie Der Stahl Gehärtet Wurde, sie schrieb alle Anfangsbuchstaben groß und unterstrich sie mit einer anderen Farbe, warum? Von diesem Buch hatte ich noch nie gehört. Zur Jugendweihe schickten wir übergroße, gebrauchte, fleischfarbene Strumpfhosen, meine Mutter behauptete, sonst würden die Nylonstrümpfe vom Zoll konfisziert. Ich konnte mir unter DDR nichts vorstellen, ich erhielt Süßigkeiten zurück, die seltsam schmeckten, klebrig, künstlich süß, ich probierte ein paar und verzog das Gesicht und verstaute den Rest in einem Fach meines Schreibtischs, wo sie monatelang lagen, bis meine Muttter sie entdeckte, das Staniolpapier halb abgezogen, einige noch ganz, und dann waren sie weg. Und dann erschöpfte sich auch unser Austausch. Der geschlagenen Engländerin bekundete ich mein Beileid, sie schrieb, sie habe nun schon zum dritten Mal mit einem Jungen geschlafen, das würde besser, was ich da für Erfahrungen hätte? Ich wurde beim Lesen rot. Mit der Schwedin schrieb ich über ein Jahr, oder sogar zwei, aber dann wurden die Briefe seltener, ihr Leben war so geordnet, so schön, es beruhigte mich zuerst, sie wohnten am Wasser, sie schickte mir ein Bild von sich mit Gummistiefeln, sie hatte einen Hund und ging gerne mit ihm spazieren, die Schule ging so, war ok, sie las nicht so gerne, aber reiten wollte sie lernen, mir gingen die Fragen aus.
Je mehr Brieffreunde, desto mehr Briefe waren zu schreiben, und irgendwann wurde die Pflicht lästig, stapelten sich die bunten Schreiben aus der Welt, die ich noch nicht kannte, in meinem Zimmer, zerstreuten sich, die Geschichten und Brieffreunde verblassten, ab und zu schickten wir uns Postkarten, dann hörte ich nichts mehr. Als die neue Lehrerin sagte, wir könnten Brieffreunde haben, sie könne uns die Adressen besorgen, da ging auch mein Arm in die Höhe, und ich wartete sehnlich auf die viereckigen Seiten mit den Adressen, die ich zwischen meinen Fingern halten, mit Anschriften von Orten, von denen ich immer träumen würde.

4/24/2016

Würdevoll ausrutschen

Die Dinge ähneln sich, und ähneln sich doch nicht: Mit zwanzig in einer Bierlache auszurutschen, bedeutet: Hey, Punk, dein Leben ist wild, okay, du bist mit den richtigen Leuten unterwegs.
Mit vierzig bedeutet es: Hey, du warst gerade aber mächtig in Eile, musstest noch kurz vor Ladenschluss in den kleinen, von Touristen und Betrunkenen zugewimmelten Supermarkt huschen. Dann auch noch vergessen, dass dein Mann deinen Geldbeutel eingesteckt hat und vor den Augen ungeduldig wartender Touristen, Betrunkener und weniger Altstadtbewohner hysterisch versuchen, ins Freie stürmen, um von eben jenem Mann, der dort mit Kind wartete und der eh nicht verstehen konnte, dass du wegen dieses mittelguten Bergkäses und der Nussmischung unbedingt noch in die kleine Klitsche wolltest, die Börse zurückhaschen, was aber nicht gelang, da du auf dem Weg zur Tür, unter den Augen aller, auch des wenig beeindruckten Kassierers, auf dem feinen Bierfilm, der sich gleichsam schon durch die Ausdünstig einiger Umstehender gebildet haben könnte, in Wirklichkeit wohl durch einige auslaufende, zerbrochen Flaschen entstand, ausgerutscht und hingeknallt bist. Jetzt hast du ein dickes Knie, mittelguten Bergkäse, keine besonders gute Figur gemacht, aber immerhin auch keinen Kater (Katze allerdings auch nicht).

Männer in den 70ern

Männer waren, glaube ich, viel dünner als heute. Manche sahen aus wie Habstarke, und zur Lederjacke passte ein alkoholisches Getränk. Alle Väter tranken viel, man trank ständig und ohne Pause, auf der Straße, in Talkshows, zuhause, man rauchte auch, man rauchte und trank wie es einem passte, und Kinder wurden losgeschickt, um Zigaretten zu holen. Selbst Akademiker rauchten HB Zigaretten, und manche tranken Fusel-Wein, und praktisch kaum jemand war so wählerisch wie heute, und die Männer hatten kein Wein-Abo. Das heißt, als ich ein Kind war, hatten die Erwachsenen, allen voran die Männer und Väter, ständig einen sitzen, waren unaufmerksam, benebelt. Natürlich fiel uns das nicht auf, wir hatten ja keinen Vergleich, und auch ich ging brav Zigaretten holen, und einmal erlebte ich dabei etwas Glückliches: Der Automat war offenbar kurz zuvor geknackt worden, wie ich es mir heute erkläre, damals aber erschien es mir einfach als ein Wunder, dass alle Türen mit Zigaretten offen waren und dass, als mein Geld durchfiel und ich auf diesen Knopf drückte, noch mehr und mehr Geld herauskam aus dem Automaten, ich ließ die Münzen in meine Hände prasseln und stopfte alles, Zigaretten und Geld, in meine kleine Tasche und kam heim mit vollen Händ
Man freute sich also über Kinder, wenn sie einem Zigaretten brachten, aber vielleicht waren Männer von Kindern weniger begeistert, vielleicht waren die Männer in jener Zeit sogar ständig zerquält von ihrer bürgerlichen Existenz, genervt von ihren Frauen und latent unhöflich. Sie müssen aus dem Haus, es treibt sie weg von dort. Alles, was mit ihrer Frau und ihren Kindern zu tun hat, ist belastend und eng. Sie laufen oft durch die Stadt. Ob Männer damals öfter gelaufen sind und nicht etwa Auto gefahren, lässt sich schwer beurteilen, denn gleichzeitig fuhren diejenigen, die ein Auto hatten, oft damit. Selbst in der Kleinstadt konnte man, ohne scheel angeschaut zu werden, mit seinem Auto etwa zum nächsten Zigarettenautomaten fahren, jeder hatte dafür Verständnis.
Fahrräder gab es, aber sie waren nicht hip. Es gab keine Helme. Mit dem Fahrrad konnte man dann durch den Wald fahren statt zu laufen. Jeder war sonntags im Wald. Es war obligatorisch, doch der Wald war eher so ein Schlechtelaunteraum, es gab keine Landlust-Zeitschriften, die den Wald priesen und schmackhaft machten, sondern dort gab es eher Ameisenhaufen und Pilze, und die Väter waren, denke ich, oft schlecht gelaunt und liefen voraus, und vielleicht dachten sie über ihre schrecklichen bürgerlichen Existenz nach, und die Mütter mit kleinen Kindern hechelten ebenso schlecht gelaunt hinterher. Und es musste dann eingekehrt werden auf ein Bier, das noch ein echtes gelbes Standard-Ding war, in das Wespen hineinfielen, und das sicher nicht besonders schmeckte, eher günstig war, und dann wankte man eben heim oder fuhr mit dem Auto, denn das Sicherheitsbewusstsein war noch nicht so ausgeprägt.
Sonntags gingen Männer also in den Wald, zumindest die verheirateten. Vielleicht gingen manche zu einer Geliebten. Damals fand alles früher statt, manche hatte schon in den Zwanzigern eine Familie, deswegen musste auch die Geliebte sein, weil man noch offen war und jung und irgendwie unbekümmert und grausam, und die Männer waren auch viel kindischer als heute, viele ließen sich noch lange die Kleider von ihren Müttern herauslegen, und viele Väter riefen noch als Väter täglich ihre Mütter an, die oft dicke, gestandene Frauen waren, mit denen nicht gut Kirschen essen war, die gut kochten und einen Besuch für sonntags nach dem Waldspaziergang erwarteten.
Zuhause herrschte eine gewisse Muffigkeit, die vielleicht von den überhitzten Räumen kam. Zimmer waren im Winter heiß, Lüften war ein Fremdwort, in der Luft festhängender Zigarettenrauch keine Schande, sondern vielleicht sogar Ausweis langer, interessanter intellektueller Diskussionen, in denen man das bürgerliche Leben und die frigiden Frauen verdammte, und dabei saß man in Zimmern, in denen es noch Schallplatten gab und manchmal Heizöfen und Zeitschriften, immer bullenheiß, und vielleicht mussten deswegen die Männer öfter mal raus, während es den Frauen nicht so viel auszumachen schien, oder sie ließen es sich nicht anmerken.
Wie heute wieder trugen viele Männer neben den Lederjacken auch Parkas und hatten Bärte. Sie gingen mit den Kindern Drachen steigen, die Topffrisuren hatten und zottelige Haare über die Augen, die immer husteten, die auch Parkas trugen und tendenziell viel draußen herumstromerten und ab und zu Zigaretten mitbrachten. Männer lasen teilweise auch Bücher über männliche Sexualität, gingen zum Therapeuten und machten sich so ihre Gedanken. Sie seufzten, sie spürten ihre Rippen unter dem dicken Parka und das Zotteln des Barts nervte etwas. Hinterher tranken sie ein sehr gelbes Bier und sahen in den blauen Himmel, in denen die Zukunft steckt, ihre und unsere.

Vater erzählt vom Verstummen

Mein Vater erzählte vom Blut nach der Geburt eines Kindes auf dem Dorf, von der Stimmung eines blauen Nachmittags, und von der Ärztin, die...